Nierentransplantiert – Ein Portrait

“Ich bin zufrieden, wenn ich einen guten Tag habe“

Nierentransplantiert: Vorsichtige Schritte in eine Zukunft, die ein bisschen normaler werden soll

Ein Porträt von Nikola Henze

Der Anruf kam um zwei Uhr nachts. Franziska K. war allein in ihrer Heilbronner Wohnung. Fast sieben Jahre hatte sie auf dieses Klingeln gewartet, ihr Handy nie abgeschaltet, gehofft, sich ausgemalt, wie es weiterginge, wenn endlich dieser Anruf käme. Und dann war es doch anders als vorgestellt: „Ich habe erst überhaupt nichts gedacht, dann kam Angst auf, Todesangst, obwohl ich wusste, dass die Operation nicht sehr riskant ist“, erzählt die zierliche Frau über den dramatischen Moment letztes Jahr im September.

Ihr Handeln blieb davon seltsam unberührt. Nüchtern managte die aus Plauen stammende Krankenschwester die nächsten Schritte in dieser Nacht: Ihrem späteren Freund, den sie gerade im Internet kennen gelernt hatte, schrieb sie, dass sie in die Klinik müsse. Sie würde sich danach wieder melden.Sie duschte, wusch Haare, packte eine Tasche. Dann rief die heute 39-Jährige ihre Familie und einen Freund an. Er fuhr sie sofort nach Heidelberg. Dort warteten Mediziner mit einer Spenderniere auf sie. Am Abend stand fest, dass Spenderorgan und Empfängerin zueinander passten. Die Transplantation begann. Franziska K. nach ihrer TransplantationFranziska K. neun Monate nach der OP
Foto: Nikola Henze

Mit 32 Jahren musste Franziska K. zur Dialyse

Mikrozysten sind kleine, mit Flüssigkeit gefüllte Hohlräume, die sich an verschiedenen Stellen im Körper bilden können. Bei Franziska K. zerstörten sie im Laufe von sieben Jahren die Nieren. Der Prozess ließ sich nicht aufhalten. Ab ihrem 32. Lebensjahr musste sie zur „Blutwäsche“ – eine lebenslang notwendige Behandlung, wenn die Nieren versagen. Dabei wird das Blut üblicherweise aus dem Körper geleitet, durch Maschinen gereinigt und dem Patienten zurückgegeben. Die Dialyse muss dreimal pro Woche durchgeführt werden und dauert jeweils fünf Stunden.

Welches Leid dies für Betroffene bedeutet, lassen die Beschreibungen von Franziska K. ahnen: „Wenn die riesigen Nadeln in den Körper eingeführt werden, das ist extrem schmerzhaft. Die Dialyse selbst ist sehr anstrengend, wie Marathon-Laufen. Der ganze Körper wird in Mitleidenschaft gezogen, die Muskeln bauen ab, die Knochen werden porös. Außerdem nimmt man extrem ab, weil die Dialyse kein Wasser im Körper lässt. Ich durfte nur noch einen Liter am Tag trinken. Mir gingen auch noch die Haare aus.“ Sie zeigt auf ihre dunklen, etwas stumpf wirkenden Haare: „Das ist gerade für eine Frau schon sehr schwer.“ Ihren rechten Arm, der von einem Dauerzugang für die Dialyse sichtbar verändert ist, bedeckt sie grundsätzlich mit Kleidung.

Nach zwei Abstoßungsreaktionen kann sie vom Reisen weiterhin nur träumen

Die Transplantation einer Spenderniere stellt die einzige Möglichkeit dar, der Dialyse zumindest für einige Zeit zu entkommen. Ein Transplantat kann mittlerweile über zehn Jahre „halten“. Ob „ihr“ Organ so lange funktioniert, bezweifelt Franziska K. jedoch. In den vergangenen Monaten hatte die Heilbronnerin zwei Abstoßungsreaktionen. Um diese aufzuhalten, muss sie Cortison einnehmen. Zusätzlich zu den Medikamenten, die das Immunsystem unterdrücken, damit es das neue Organ nicht als Fremdkörper angreift.

Für Franziska K. heißt das, sich von einer weiteren Hoffnung zu verabschieden. Sie wird nicht so gesund aussehen wie vor ihrer Erkrankung, sie muss ihr „Cortison-Gesicht“ annehmen. Der entzündungshemmende Wirkstoff lässt das Gesicht fülliger erscheinen. Auch mit der großen Bewegungsfreiheit ist es bisher nichts geworden. Eine Reise in die USA steht noch in weiter Ferne, „solange meine Werte nicht besser werden.“ Immerhin arbeitet sie wieder 17 Stunden pro Woche als Krankenschwester. Vom Schichtdienst ist sie befreit.

Sie soll jetzt viel Wasser trinken. Früher musste sie sich den ganzen Abend an einem Glas festhalten

Alle zwei Wochen lässt Franziska K. verschiedene Blutwerte kontrollieren. Sie sagen aus, ob die neue Niere funktioniert und ihr Körper den Medikamenten-Cocktail verträgt. Häufig sind ihre Werte leicht erhöht.„Zur Zeit bin ich schon zufrieden, wenn ich subjektiv feststelle, dass ich einen guten Tag habe“, sagt sie und nimmt wieder einen Schluck aus der Mineralwasserflasche, die sie immer zur Hand hat. Sie soll jetzt viel trinken, daran müsse sie sich erst wieder gewöhnen. „Früher habe ich mich ja den ganzen Abend in der Disko an einem Glas festgehalten”, erklärt sie und lacht dabei auf, hell und kurz. Schließlich erzählt sie doch noch von großen Plänen: „Ich hab mir immer Kinder gewünscht.“ Für eine Dialysepatientin ist das nicht möglich, mit einem Transplantat immerhin   denkbar. Allerdings erhöht eine Schwangerschaft die Gefahr, dass der Körper das Organ abstößt. Abgesehen von der eigenen Gesundheit und der Zeit, die ihr  davon läuft, müsse da aber der Freund mitspielen. „Er ist nicht so erpicht auf Kinder, das macht es andererseits leichter für mich.“

Die Worte  der ehemaligen Dalysepatientin sind wieder von einem kurzen Lachen begleitet. Es klingt, als sei sie auch ein wenig erleichtert, mit ihrem Kinderwunsch ein „normales“ Problem zu haben – wie viele andere Frauen mit Ende Dreißig auch. Nichts anderes wünscht sie sich jedenfalls für die Zukunft, sagt Franziska K.: dass ihr Leben jetzt „ein bisschen normaler“ wird.

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